Mit großer Begeisterung, mit vielen Worten und einer bemerkenswerten Auswahl an Songs stellte Olivia Chaney im kleinen Saal der Elbphilharmonie den Helden ihrer frühen Jahre vor. Die Engländerin ist aufgewachsen mit der Musik Henry Purcells, hat Kompositionen aus seiner Feder in immer neuen Formationen aufgeführt, gesungen und gespielt, ob im Mädchenchor in Oxford oder später im Musikstudium an der Royal Academy of Music in London. Nun präsentierte sie in Hamburg ihr neues Programm, „Purcell Revisited“, wie sie ihre eigenwilligen Versionen der in England sehr populären Songs des „Orpheus britannicus“ nennt – basierend auf Vorlagen aus dem 17. Jahrhundert, die sie auf ungewöhnliche Weise und souverän interpretierte.
Text: Gerd Döring
Auf dem Kontinent ist die Sängerin aus North Yorkshire ein eher seltener Gast. Mit ihren Songs, die so ambitioniert zwischen Folk und Klassik changieren, pendelt die Musikerin seit Jahren zwischen ihrer Heimat und den Staaten. Beim US-Label Nonesuch hat sie mehrere Alben veröffentlicht, unter anderem mit dem Kronos Quartet und den Decemberists. Hierzulande ist sie vielleicht am ehesten bekannt durch ihren Beitrag zum Film Wuthering Heights von Emerald Fennell aus diesem Jahr, in dem sie mit ihrer Interpretation des Folksongs „Dark Eyed Sailor“ prominent vertreten war.
Den Abend im kleinen Saal der Elbphilharmonie begann sie mit Purcells Arie „By Beauteous Softness“, einer Ode aus einem Liedzyklus, den der Komponist 1689 für den Geburtstag Queen Marys geschrieben hatte. Chaney saß am Bösendorfer-Flügel und zunächst lauschten ihre drei Mitmusiker aufmerksam dem ausdrucksstarken Gesang und den Worten. Später setzten sie selbst kräftige Akzente, etwa in „Strike The Viol“, das die von Liam Byrne gespielte Viola da Gamba in den Vordergrund rückte. Oder im frivolen „Love Quickly Is Pall’d“, bei dem Owen Spaffords Violine und Byrnes Viola ein fein austariertes Duo bildeten, das mit nur wenigen Klängen eine ferne Welt hervorzauberte. Der vierte Musiker im Quartett war Chris Vatalaro, der mal am Keyboard saß, dann wieder an einem sehr kleinen Drumset den Gesang begleitete.
Die Vorlagen fast aller Songs des Abends in Hamburg stammten aus der Feder des so früh verstorbenen Henry Purcell (1659–1695). Für Chaney sind seine Kompositionen Grundlage und Ansporn zugleich – Purcell-Songs wie „There’s Not a Swain“ hat sie schon auf ihrem Erstling The Longest River eingespielt. Im Konzert wechselte sie munter zwischen Piano und Gitarren, zuweilen stand sie auch vor einer kleinen Truhenorgel, die mit ihrem spröden Klang gut zu den melancholischen Liedern aus dem alten England passte, in denen Purcell höfische Gebrauchsmusik und Shakespeare-Texte mit Liedern aus dem Volk verknüpft hatte.
„Auprès De Ma Blonde“, ein französisches Volkslied aus dem 17. Jahrhundert, war eines der wenigen Stücke, die nicht aus der Feder Purcells stammten und das Chaney seit Jahren immer wieder neu interpretiert. Mit dem nachdenklichen „I Wish“ hatte sie auch einen Song aus eigener Feder dabei (vom letzten Album Circus Of Desire aus dem Jahr 2024 aus ) und schlug mit der Arie „Oblivion Soave“ aus Claudio Monteverdis Oper L’Incoronazione di Poppea nochmals den Bogen zurück ins Venedig des Jahres 1642.
Um dann zum Finale einen schlichten Folksong aus England zu singen, den sie besonders hervorhob: „Sovay“ ist eine Komposition der allzu früh verstummten Anne Briggs, deren stimmliche Qualitäten nicht nur Chaney lobt. Mit dieser Verbeugung vor einer großen Folksängerin entließ Olivia Chaney ihr Publikum nach anderthalb intensiven Stunden.
Die Lieder Purcells hatte sie übrigens schon vor ihrer Tour in New York eingespielt. Songs Of Art, das entsprechende, wieder von Thomas Bartlett von The Gloaming produzierte Album, wird aber wohl erst 2027 erscheinen. Chaney ist derweil schon ein Projekt weiter: Mit einem Ensemble aus englischen Folk- und Rockmusikern hat sie ein Album mit englischen Traditionals und amerikanischen Folkklassikern eingespielt: News From Nowhere, benannt nach dem utopischen Roman von William Morris aus dem Jahr 1890.







0 Kommentare